Liebes Mainz,
Einer deiner Studenten stattet mir gerade einen längeren Besuch ab. Anfangs hatte er etwas Probleme eine Wohnung zu finden. Stand hilflos mit seinem Koffer da und wusste nicht so recht wie ihm geschieht. Zimmer bezahlt, Zimmer nicht bekommen, keine hebräisch, keine Diskussion. Jedoch bekam er gleich Hilfe von meinen Bewohnern angeboten und lebt nun sehr zentral gelegen in der Harav Berlin Street in der Nähe namhafter Persönlichkeiten wie Benjamin Netanjahu oder Ehud Olmert. Zumindest für zwei Monate hat er nun ein Zimmer in einer israelischen WG.
Mehrmals pro Woche fährt er mit dem Bus zur Bezalel Academy of Arts and Design auf dem Mount Skopus nahe dem Ölberg im Nordosten, wo er als ordentlicher Student eingeschrieben ist und sein Auslandssemester absolviert. Belegt hat er Kurse in den Bereichen Experimentalfilm, Fotografie und konzeptuelles Design. Außerdem besucht er einmal pro Woche einen Geschichtskurs, indem er etwas über meine Wenigkeit erfahren soll. Er teilt seine Erfahrungen mit etwa fünfundzwanzig weiteren Austauschstudenten aus Tschechien, USA, Schweiz, Frankreich, Deutschland und weiteren Ländern.
Was soll ich sagen, er scheint sehr interessiert an mir zu sein, auch an dem Land, dessen Hauptstadt ich bin. Er stolpert noch etwas unsicher und naiv durch Straßen und Gassen, macht hier und da ein Foto, wundert sich über meine Bewohner, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Er trifft orthodoxe Juden mit riesigen Hüten und Bärten, lässt sich in armenische Souvenirläden zerren oder von verarmten Arabern zum Tee einladen. Er öffnet seinen Rucksack, lehrt seine Taschen, zeigt seinen Ausweis, mehrmals täglich denn ich bin neugierig. Ich bin bedroht und ich muss sehr genau auf meine Bewohner achten. Nicht alle sind mir wohlgesonnen. Letzten Donnerstag erst wollte wieder einer einen Bus mit einem Traktor rammen. Keine große Sache, schnell wurde der arabische Terrorist erschossen und lediglich zwei Polizisten wurden leicht verletzt. Die Schulkinder im Bus kamen imt einem Schrecken davon. Ich bin zwar alt aber nicht blind, bin vollgepackt aber nicht gebrechlich. Ich weiß was ich zu verlieren habe und daher bin ich bewaffnet. Doch wieder zu meinem Gast. Er ist fremd gegangen, war in Bethlehem, ja, dieses Bethlehem, Weihnachten, die Grippe, Maria und Josef, man sagt ein sehr bedeutender Mann wurde dort geboren. Dafür hat er meine Grenzen überquert. Eine große lange Mauer, man spricht von der Westbank, den palästinensischen Autonomiegebieten oder dem Westjordanland. Passierte die Checkpoints ohne Probleme, denn er ist Tourist. Niemand sonst kann hier so unbeschwert Reisen wie er. Sein deutscher Pass und sein sechsmonatiges Visum öffnen die meisten Schranken. Hier wurde er herzlich empfangen, sprach mit Menschen, die meiner Regierung gegenüber kritisch eingestellt sind, sie sprachen von Apartheid, von Rassismus und Unterdrückung. Er kam wieder zurück zu mir. Verwirrt und unsicher, verwundert und neugierig. Zwei Wochen von zwanzig. Zehn Prozent der Reise scheinen überstanden und er weiß schon einiges mehr und ist doch keinen Deut schlauer.
Ich wünsche ihm weiterhin viele Erfahrungen und nur das Beste. Ich werde mich bemühen ihm eine gute Gastgeberin zu sein. Heute ist Purimfest, meine Version vom Karneval, du weißt wovon ich spreche. Grund zu feiern und alle Sorgen zu vergessen.
Dein Jerusalem






Sehr schön geschrieben. Gefällt mir
Aber wer ist denn grad in Israel? ^^
Von der kreativen Schreibarbeit würde ich mal auf den Kalle tippen.
janr !?
Viele Grüße nach Jerusalem.
Wünsch dir ne tolle & spannende Zeit.
richtig .. danke! euch allen ein gutes semester, bei mir hats schon am 1.3. angefangen. mindestens genauso chaotisch wie in mainz. viele grüße!
Ach was Jan!!??
du bist schon in Jerusalem, krass! Da hast du dich ja ganz schön beeilt. Ich wünsch dir ne gute Zeit in Israel und Grüß mir Bezalel. Das Foto das du von der Mauer geschossen hast ist echt gut,… ich glaub ich hab genau das gleiche geschossen! Ich bin gerade in den USA und besuch hier meine Freundin in Memphis.
Ich wünsch dir viel Spaß und ne schöne Zeit. tschöö